Depression
Depression
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Editorial

von Olaf Schreiber

Selten wird etwas neues gelebt. In diesen Tagen beginnt wieder ein Frühling, dann kommt irgendwann der Sommer, dann der Herbst, und dann ist wieder Winter. Die Gesichter der Freundinnen und Freunde kennen wir auch schon, ihre Geschichten, Probleme, Hoffnungen und Wünsche locken uns nicht mehr hinter dem Ofen hervor.
Alles ist tausendmal gegessen, getrunken, geraucht, alle wissen, wie es sich anfühlt, im Meer zu baden, im Wald spazieren zu gehen oder auf einen Berg zu steigen. Alles ist gesagt, gedacht und durchgeführt oder nicht. Klappt mal etwas im Leben, wird es ziemlich bald wieder langweilig. Kommen neue Gedanken, werden sie integriert und sterben bald. Die Witze sind sämtlich alt, jedes Lachen ist trocken und spröde, und wenn es von Herzen kommt, dann aus einem verbrauchten Herzen. Schönes gibt es nicht mehr, nur noch altes und bekanntes.
Hoffnungen sind sinnlos und porös, denn werden sie erfüllt, gibt es nur einen Moment lang Ruhe vor dem Zerfall. Die einst so erfüllende Waldesstille ist nur noch ein langweiliger Hohn. Alkohol berauscht nicht mehr, Haschisch verleiht nur noch Straußenflügel, mit denen ein Mensch nicht den nötigen Auftrieb erzeugen kann, um sich in die Luft zu erheben.
Die Häuser beginnen in sich zu zerfallen, die Lungen sehnen sich nicht länger nach Luft. Die Astronauten blicken nur noch kurz nach oben, wenn ihnen von den Sternen erzählt wird. Auf den Straßen sterben die Leute wie Eintagsfliegen, lustlos und ohne Interesse. Selbst die Stärksten brechen zusammen wie Strohhalme bei dem Versuch, durch Selbstüberwindung etwas Leben in die Welt zu bringen.
Alle Energien sind gegangen, gemeinsam mit jedem Willen, diese Wüstenbildung zu durchbrechen und sich zu besinnen. Nichts greift mehr. Die Berührung fremder Haut hinterläßt nur noch ein taubes Gefühl. Gerüche und Geschmäcker haben sich in eine Welt hinter der Wirklichkeit zurückgezogen, alle Farben fließen langsam in den Abgrund. Buddhisten, die ein letztes Mal – wie aus einem seltsamen Gefühl von Nostalgie – zu meditieren versuchen, empfangen nur noch ein graues Rauschen.
Ein Blick direkt in die Sonne, so sich jemand aufrafft, den Kopf zu heben, schmerzt längst nicht mehr. Der Himmel ist konturlos, der Horizont rückt in die Ferne und verschwimmt schließlich im Nichts. Alle Vöglein schließen die Augen und wiegen sich in einen langen Schlaf, Delphine und Wale stranden zu Tausenden wie nasse Säcke, müde und ohne Kraft. Tag und Nacht verschwimmen zu einem bleichen Brei.
ARD und ZDF stellen ihre Sendungen ein, bald darauf auch die Privaten. Die letzten großen Bürokraten bereiten die Auflösung des Parlamentes vor, getrieben von einem seltsamen Pflichtgefühl.
Alles ist sinnlos und stinkt. Die Zeit erstarrt. Am Ende gibt es keine Verwesung, keine Verwitterung mehr – denn welche Sonne scheint heiß genug. welcher Wind weht stark genug, welches Bakterium will zu so einer Zeit noch zersetzen?

Das ist die Welt, in der diese Webseite erscheint. In diesem Bewußtsein müssen wir leben, um nicht wieder und wieder das Erwachen des Frühlings zu konfrontieren.