Schreibers

Wohnungsbrand

Eine Sache, die nur anderen passiert

Wie es geschah

Es ist Anfang 1993. L. und ich sitzen am Küchentisch in der Antwerpener Str. und unterhalten uns über dies und jenes. Die Öfen in unseren Zimmern bullern so vor sich hin. Ich habe eine dicke Lippe (will sagen, ich hatte einen Pickel direkt an der Unterlippe wiederholt ausgedrückt; mein Immunsystem hatet die Infekte nicht gepackt, und ich hatte drei Wochen flachgelegen, Antibiotika einfahrend).
Wie wir so gemütlich da sitzen, ruckelt es an der Eingangstür. Da kommt wer. Denken wir uns so. Von den vier Menschen, die im Besitz eines Schlüssels sind, sitzen zwei am Tisch. Uns dämmert, daß es die anderen beiden (Maria und Anja) nicht sein können, die sind arbeiten oder so. Und überhaupt klingt das gar nicht wie Besuch.
Also stehe ich auf, gehe zur Küchentür und schaue mich um, und siehe da: als ich so nach rechts blicke, sehe ich, wie mein Zimmer in Flammen steht. Es leuchtet durch die verschlossene Tür.
Ich kläre L. über die Situation auf und renne zu meinem Zimmer, versuche die Tür zu öffnen und scheitere, weil irgendwas sie festhält. Sofort leere ich den Mülleimer aus (auf den Boden, schöne Schweinerei), fülle ihn mit Wasser und renne wieder zur Tür. Diesmal geht sie auf, und alles ist schwarz bei einer Blickweite von 0 cm. Ich leere meinen Eimer, aber es macht nur pschscht. Hitze schlägt mir ins Gesicht.

 

Die Feuerwehr

Ich rufe also 112 (habe zum Glück die Nummer im Kopf). Die wissen schon bescheid, weil unsere Nachbarin sie vor uns angerufen hat, und sagen uns, wir sollen die Wohnung verlassen. Vier Minuten später sind sie da. Inzwischen hat sich eine Menge neutraler BeobachterInnen in der Straße versammelt. Die Feuerwehrmänner stürmen mit einem Schlauch nach oben, und dann heißt es "Wasser marsch". Nach vielleicht zwei Minuten öffnen sich die Fenster meines Zimmers, und dunkler schwarzer Rauch sucht seinen Weg in den Winterhimmel. Dann fliegen diverse Gegenstände heraus, die aber den Weg nach unten, zur Erde, nehmen, getrieben von einer nie enden wollenden Schwerkraft. Bücher, CDs, Kassetten, ein Klavierhocker, Zettel, Schreibtischunterlage usf. Es bildet sich ein Haufen wie ein verkorkstes Abbild meines Besitzes.

 

Die Polizei und die Leichenfledderer

Kurz nach der Feuerwehr erscheint auch der typische, unerträgliche Golf mit den beiden Schimanskis. Sie quetschen mich detailliert aus, wie es zu dem Brand kommen konnte. Wollen wissen, ob ich einen Betrug geplant habe, aber ich bin in keiner Weise versichert. Während sie ihre Fragen stellen, werfen die Feuerwehrler immer mehr Besitztümer hinab, die im Verdacht stehen, noch zu glühen. Die Zivis bestätigen mir, nichts Böses im Sinne zu haben. Zwei Kinder tauchen auf und trauen sich an den Haufen mit meinen Sachen. Für sie ist es - aus welchen Gründen auch immer - eine Müllkippe mit frei verfügbarem Allgemeingut. Sie ebenso wie ich suchen nach noch Verwendbarem, bis ich ihnen sage, sie sollen sich verpissen; sie leisten meiner Aufforderung auch prompt Folge. Ich finde einige Bücher, ein paar Kassetten und dies und das.

 

Mein Zimmer

Als ich mein Zimmer betrete, stehen da so um die sieben Feuerwehrmänner und prüfen die Löschung. Einer steht auf meinem Bett. Der Chef schaut mir, trotz seiner Routine, lebendig und verständnisvoll in die Augen. Dann sagt er "Mann, haben Sie ein Glück gehabt. Die äußeren Scheiben haben gehalten; wären die geborsten, hätte das Feuer Sauerstoff gekriegt ud wer weiß was wäre abgebrannt." Irgendwie bin ich dankbar.
Dann erst sehe ich mich richtig um:Mein Zimmer und ich die häßliche Styropordecke ist völlig verschwunden (hätte ich selbst schon früher machen sollen); mein Hochbett ist auch weg - was nicht verbrannt ist, wurde aus dem Fenster geworfen; die Klamotten, die in den Regalen um den Ofen (von dem der Brand ausging) lagen, sind verschwunden (ich brauche neue Unterhosen); die Reste des verbrannten Deckenstyropors haben sich überall verteilt; glücklicherweise ist der häßliche Teppich auch hinüber; die CDs und Kassetten (irre viele) hängen als ein Plastikklumpen zusammen (sind aber in erstaunlich vielen Fällen noch intakt); die Oberflächen aller technischen Geräte (Hifi-Anlage, Computer) haben gelitten, weil es sich aber um einen kurzen, heftigen Feuerstoß gehandelt haben mußte, sind die Innerein zumeist noch ok; lediglich ein CD-Player wandert wahrscheinlich überflüssigerweise über den Jordan; Bettwäsche ist teilweise verbrannt, teilweise nur dreckig; mir fällt ein, daß das alles Nichts ist gegenüber wirklich schlimmen Dingen; alles stinkt nach Rauch (auch der Rest der Wohnung wird renoviert werden müssen); alle Star-Trek-Videos (Next Generation) sind geschmolzen.

Star Trek - The Next GenerationIch rufe Anja an und frage sie, ob ich in den nächsten Wochen bei ihr wohnen, schlafen, frühstücken und duschen kann, was natürlich geht; ihre WG kommt zum Begutachten des Schadens (Gafferinnen). Die Feuerwehr bleibt so lange, bis der Gasmann kommt und überprüft, ob alle Leitungen intakt sind. Auch dieser bestätigt mir, außergewöhnliches Glück gehabt zu haben (ich sehe mich noch in all dem Müll stehen und mein Glück nicht fassen können). Später werden weitere FreundInnen kommen, und ziemlich bald beginnt eine Komplettrenovierung einschließlich der Scheuerleisten. Die Leute aus dem Haus sind prima, erste Sahne. Der Mieter von unten klopft mir auf die Schultern und meint, den entstandenen Wasserschaden würde er übernehmen, was mir unglaublich gut tut (wegen der Anteilnahme). Der Feuerwehreinsatz ist umsonst, alle Folgekosten muß ich natürlich tragen.

Die Antwerpener Straße nach dem BrandIn den folgenden zwei Monaten haben wir renoviert. DIe Wohnung war danach wegen unseres fortgeschrittenen Geschmacks viel schöner: abgezogene Böden, bunte Küche (bekifft bemalt), usw. In all der Zeit habe ich in der Gegend (in einer Entfernung von bis zu 500 m noch Seiten aus meinen Büchern gefunden.

Weitere Bilder
Home